Gewissen
Das Erwachen des Gewissens
Wir alle sind unserem Wesen nach göttlich und tragen daher die göttliche Natur in uns. Aus diesem Zentrum des Göttlichen empfangen wir den Willen zum Guten für unser Handeln. Wir empfangen auch das Wissen, um gute Dinge zu erreichen. Wenn wir uns bemühen, das Göttliche zu entfalten, wächst ganz natürlich Liebe in uns und um uns herum, und wir nutzen auf kluge Weise die Ressourcen der Natur zum Wohle aller Lebewesen auf diesem Planeten. Wo keine Suche nach dem Göttlichen im Inneren und in der Natur stattfindet, fehlt die Neigung, sich auf Werte einzulassen und sie anzunehmen. Nur diejenigen, die nach dem Licht suchen, können Werte verkörpern.
Bei vielen Menschen fehlt ein richtiges Verständnis der Seele und der Unsterblichkeit. Die Wissenschaft hat ihnen gesagt, dass es keinen Gott und keinen Geist im Menschen gibt. Das geistige Leben wird geleugnet, gehemmt und unterdrückt. Die Menschen wenden sich der Vergötterung weltlicher Dinge zu. Die innere Stimme, die vom Leben jenseits des Materiellen zeugt, geht im Lärm und Trubel von Arbeit, Freizeit und Zerstreuung unter. Wenn sich das gesamte Leben auf das Materielle konzentriert, verschwindet das Ziel der Existenz. Der Ansporn zu einem rechtschaffenen Leben geht verloren.
Wenn wir das Göttliche in uns erkennen, erwecken wir das Gewissen in uns und entwickeln es weiter. Die Entstehung des Gewissens beruht auf unserer Verbindung mit dem Göttlichen in uns selbst oder in anderen. Dieses Gewissen lässt uns nicht alles Mögliche tun. Es bewirkt Selbstbeherrschung. Eine Selbstbeherrschung, um andere nicht zu verletzen; eine Zurückhaltung, um andere nicht zu manipulieren; eine Zurückhaltung, um nicht die Dinge und das Eigentum anderer zu stehlen. All dies geschieht ganz natürlich, wenn das Gewissen in uns erwacht.
Im Durchschnittsmenschen ist das Gewissen nicht sehr deutlich ausgeprägt. Bei einem Schüler auf dem spirituellen Pfad hingegen ist das Gewissen sehr präsent. Das Gewissen ist das Denken des inneren Wesens, genannt Buddhi. Das Gewissen ist das Denken der Seele, aber nicht der Persönlichkeit. Das Persönlichkeitsdenken arbeitet für die Wünsche der Persönlichkeit. Durch das Gewissen blitzen Hinweise auf, die von der Seele gegeben werden. Das Persönlichkeitsdenken kümmert sich nicht um solche Lichtblitze und versteht häufig nicht einmal, weshalb es einer aufblitzenden Idee folgen soll. Es bemüht sich nicht darum, die Hinweise, die über Buddhi von der Seele kommen, zu verstehen und umzusetzen.
Schlussfolgern ist die Arbeitsweise des Persönlichkeitsdenkens. Es braucht Antworten auf alles, was es tut. Für jedes 'Warum' braucht es ein 'Darum'. Wer nach dem Warum sucht, bleibt in der Welt der Ursachen hängen. Die Wirkung der Weisheit auf das Gewissen braucht zunächst keinen Grund. Die Frage, warum wir eine bestimmte Person lieben, findet im eigenen Denken keine Antwort. Das Gewissen reicht über das Denken hinaus. Der Verstand gehört zum Denken. Das Denken ist der Herrscher der Persönlichkeit, der nichts zulässt, was über die Persönlichkeit hinausgeht. Wenn wir das Gewissen aufbauen und übereinstimmend mit ihm handeln, dann baut das Denken seine eigene Begründung auf, um dem Gewissen zu folgen. Wir lernen, uns zu beherrschen und unsere Persönlichkeit zurückzunehmen.
Die Stimme des Gewissens
Wenn das Gewissen in uns geboren ist, können wir mit ihm Zwiesprache halten und Führung bekommen. Es entwickelt sich durch Kontemplation sowie regelmässiges Studium der Weisheitslehren. Das Gewissen beginnt, mit uns zu sprechen und leitet uns oft. Wir schliessen unsere Augen, lenken unser Denken nach innen und erhalten die Antwort von unserem Gewissen. Es ist eine fokussierte Verbindung; wir können uns mit jeder einzelnen Handlung, die wir tun, verbinden. Wenn wir uns unseres Gewissens bewusst sind, dann sagt es uns sehr deutlich, ob wir etwas jetzt oder später tun oder ändern sollen. Wir folgen dann einfach unserem Gewissen und tun, was es vorschlägt. Wenn wir das Gewissen entwickelt haben, wird das Leben viel einfacher für uns.
Jüngerschaft ist eine Bemühung, als Seele zu wirken und nicht als grossartige Persönlichkeit. Daher ist es wichtig, regelmässig das Gewissen zu Rate zu ziehen. Ein Jünger steht immer im Dialog mit sich selbst, einem Dialog zwischen seinem Gewissen und seiner Persönlichkeit. Er entwickelt sein Gewissen ständig weiter und unterzieht seine täglichen Persönlichkeitshandlungen einer Gewissensprüfung. Regelmässig überprüft er, ob seine Gedanken, Worte und Handlungen seinem Gewissen standhalten. Dies fördert den Prozess des Hinterfragens und der Selbstanalyse durch Innenschau.
Dieses Zwiegespräch ist ein wichtiger Aspekt im Leben eines Jüngers. Mit dem Gewissen übereinzustimmen, ist immer wichtiger als einen bestimmten Vorteil oder Nutzen von Handlungen zu erhalten. Bei der Innenschau ist zu fragen: Mache ich wirklich das, was ich tun soll? Wessen Programm erfülle ich? Werde ich von meiner Persönlichkeit oder von der Seele gezogen? Es gibt nur ein ICH BIN. Existiert es in der Persönlichkeit oder regiert es über die Persönlichkeit?
Die meisten Menschen stimmen sich in ihrer Lebensführung auf die öffentliche Meinung ein. Viele Intellektuelle widersprechen nicht, wenn sie vielleicht etwas anderes für richtig halten. Sie schliessen Kompromisse, um in der Gesellschaft anerkannt zu werden. Vom spirituellen Standpunkt aus ist dies nichts anderes als persönliche Befriedigung auf Kosten des Selbst, der Seele, und langfristig auch auf Kosten des öffentlichen Wohls. Mit solch einem Verhalten töten wir unser Gewissen.
Entwicklung des Gewissens
Ganz am Anfang der Jüngerschaft wird das Prinzip des Hier und Jetzt eingeführt. Es ist das Prinzip des bewussten Lebens. Wenn wir praktizieren, im Hier und Jetzt zu sein, sind wir tief mit unserem Gewissen verbunden. Wir gehen vollständig in der Sache auf, die wir im Augenblick erleben. Wenn wir z.B. sehr bewusst auf unsere Zahnbürste achten und sie nicht einfach nur oberflächlich anschauen, sind wir achtsam, dass wir die Zahnpasta sorgfältig auf die Zahnbürste auftragen und die Zähne bürsten. Unsere Gedanken sind ganz auf diesen Moment fokussiert und nicht anderswo. Wenn wir essen, dann essen wir sehr bewusst, und auch wenn wir uns bewegen. Auf diese Weise entwickeln wir eine sehr bewusste Lebensweise.
Wenn wir dem folgen, was das Gewissen sagt, entfalten sich daraus langsam unsere Gedankengänge. Wenn wir durch Informationen Wissen erhalten, sollten wir darüber nachdenken und wenn nötig nochmals durchdenken. Wenn wir einer Sache zu schnell folgen, werden wir sie später wahrscheinlich wieder fallen lassen. Übereilte Aktivität ist ein Trick des Denkens, damit es später die Sache wegwerfen kann. Wir nehmen nichts zu schnell an und rücken auch nicht zu schnell ab. Wir sollten den ganzen Sachverhalt unserem Gewissen vorlegen, jedoch nicht unserem Denken.
Bis wir unser Gewissen genügend entwickelt haben und unserer inneren Stimme ganz sicher sind, ist es gut, uns mit jemandem zu verbinden, dem wir vertrauen und an dessen Weisheit wir glauben. Besonders wenn wir Zweifel haben, ist es besser, jemanden zu fragen, der sein Gewissen entwickelt hat, nicht irgendjemanden oder alle. Sonst wissen wir nicht, welchen Rat wir befolgen sollen. Wenn ein Rat gegeben wurde, denken wir 2-3 Tage lang selbst darüber nach und folgen unserem Gewissen. Nachdem wir uns bewusst entschieden haben, nehmen wir die Konsequenzen hin, wie auch immer sie ausfallen mögen. Wir kritisieren den Ratgeber niemals, denn wir haben ihn um einen Rat gebeten.
Wenn wir keinen Ratgeber finden, können wir eine Schrift aufschlagen. Eine Schrift ist nicht einfach ein Buch aus Papier, es ist ein Wesen. Wenn wir sie öffnen und eine Seite lesen, dann zeigt sie uns einen Weg. Es kommen auf uns auch unterschiedliche Übungen zu, entweder von innen oder vom Lehrer oder durch eine Buchempfehlung. Einige dieser Methoden sprechen unmittelbar unser Gewissen an. Dies sind die besten Methoden, um etwas in unserem Leben zu ändern. Wir sollten uns immer nach unserem eigenen Gewissen richten und bewusst Entscheidungen treffen.
Wer das Gewissen entwickelt hat, kann sich mit dem anderen identifizieren. Er hat die Fähigkeit, in den anderen hinein zu spüren und Kontakt mit dem inneren Gewissen des anderen aufzunehmen. Es ist ein Gewissen in vielen. Von diesem Punkt aus kommt dann ein Rat. Dies ist ein Weg, um eine Führung zu erhalten. Wenn die Führung in uns selbst ist, ist es das Beste.
Wir sollten keine Nachahmer sein, sondern das tun, was wir für richtig halten, da es aus unserem Gewissen hervorkommt: Durch unser Gewissen erhalten wir die Orientierung, denn im Grunde sind wir eine Seele. Durch die Verbindung zu einem echten Lehrer erwacht unsere Gewissen immer mehr. Allmählich wird das Gewissen stärker und umgibt die Persönlichkeit mit einer Hülle, in der das Bewusstsein als Licht der Seele durchscheint. Bei der höheren Form der Kommunikation zwischen Seele und Persönlichkeit erhält die Persönlichkeit ihr Programm von der Seele und arbeitet es täglich aus. Wir werden zu Meistern unseres Lebens und zu Beispielen, denen andere folgen können.
Das Ideal der Jüngerschaft besteht darin, die Unterströmung des einen Bewusstseins der Menschheit zu berühren. Wir können diese Ebene berühren, indem wir in immer tiefere Schichten unseres eigenen Bewusstseins vordringen, bis wir die unterste Schicht erreichen, die das eine Bewusstsein der gesamten Menschheit ist. Dies ist der Lehrplan und der Aufgabenbereich der heutigen Jüngerschaft. Unsere tägliche Pflicht ist unser Lehrplan. Das einheitliche Bewusstsein der Menschheit ist die Prüfung. Mögen wir versuchen, unsere Eignung unter Beweis zu stellen.
Verwendete Quellen: K.P. Kumar: From the Teacher’s Pen. Div. Seminarnotizen. Dhanishta, Visakhapatnam, Indien (www.aquariusbookhouse.com).







